Hugo-Ball-Preis wird ausgesetzt

Pressemitteilung der Stadt Pirmasens vom 6. Januar 2023

 

Stadt Pirmasens
Pressestelle

06.01.2023
Gemeinsame Pressemitteilung der Stadt Pirmasens,
der Künstlerinnen Hito Steyerl und Olivia Wenzel sowie der Vorschlagskommission des Hugo-Ball Preises 2023

„Zeitgenössischer Antisemitismus im Werk von Hugo Ball und dessen Gegenwartsbezüge“

Seit 1990 verleiht die Stadt Pirmasens alle drei Jahre den Hugo-Ball-Preis. Mit dem Kulturpreis würdigt die Stadt das Wirken des in Pirmasens geborenen Künstlers, Schriftstellers und Kriegsgegners Hugo Ball (1886-1927). Dieser hat – u. a. 1916 im Züricher Cabaret Voltaire – mit Dada eine der einflussreichsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts mitbegründet.

Den Hauptpreis des Jahres 2023 sprachen die Jury und die Stadt Pirmasens im Dezember mit Hito Steyerl einer der international bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart zu, den Förderpreis der Schriftstellerin, Dramaturgin, Musikerin und Performerin Olivia Wenzel.

Auf Anregung von Hito Steyerl hat die Stadt Pirmasens gemeinsam mit den beiden Preisträgerinnen und der Vorschlagskommission entschieden, die Verleihung des Hugo-Ball-Preises im Jahr 2023 auszusetzen zugunsten einer offenen Debatte über antisemitische Klischees in der Zeit Hugo Balls und unserer Gegenwart.

Im frühen 20. Jahrhundert war antisemitisches Gedankengut weit verbreitet, auch viele Künstlerinnen und Künstler beförderten solche Ressentiments. Entsprechende Textpassagen finden sich insbesondere auch bei Hugo Ball, explizit etwa in seiner 1919 erschienenen Schrift „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“. Damit haben sich die Fachwissenschaft und vor allem auch die Hugo-Ball-Gesellschaft bereits ausführlich und wiederholt beschäftigt; sie sind jedoch in der breiten öffentlichen Wahrnehmung nicht präsent.

Unter dem Eindruck antisemitischer sowie rassistischer Vorurteile und Vorfälle in der Gegenwart halten die Stadt Pirmasens, die Vorschlagskommission und die beiden Ausgezeichneten eine erweiterte Auseinandersetzung mit Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung für vordringlich und geboten.

Denn alle Beteiligten möchten mit der Verleihung des Preises künftig auch ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus verbinden.

Auftakt der Debatte ist eine öffentliche und zudem auf YouTube zugängliche Veranstaltung am 23. Januar 2023, um 19 Uhr, in der Festhalle in Pirmasens.

Im Rahmen einer moderierten Podiumsdiskussion beschäftigen sich dort ausgewiesene Fachleute verschiedener Disziplinen mit dem Thema „zeitgenössischer Antisemitismus im Werk von Hugo Ball und dessen Gegenwartsbezüge“.

Eine weitere Veranstaltung zu Hugo Balls intellektuellem Umfeld ist im Laufe des Jahres im Cabaret Voltaire in Zürich geplant. Dessen Direktorin Salome Hohl setzt es sich zum Ziel, Ambivalenzen der für die Kultur der Moderne so prägenden Dada-Bewegung weiter auszuleuchten, auch hinsichtlich ihrer antisemitischen, kolonialistischen und rassistischen Spuren.

Bis zum Ende dieses Prozesses soll die Verleihung des Hugo-Ball-Preises ausgesetzt werden, um die wichtige Debatte nicht unter Zeitdruck führen zu müssen. Die für 5. März 2023 vorgesehene Veranstaltung wird abgesagt.

„Ich bin Hito Steyerl sehr dankbar dafür, dass sie mit ihrer Nominierung eine wichtige Debatte zum Thema Antisemitismus angestoßen hat“, so der Pirmasenser Oberbürgermeister Markus Zwick. „Denn Pirmasens und der Hugo-Ball-Preis beziehen klar Position gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung!“

Auch Hito Steyerl ist froh über den gemeinsamen Weg, den Pirmasens mit ihr und Olivia Wenzel eingeschlagen hat: „Ich bedanke mich ausdrücklich dafür, dass die Stadt Pirmasens und Oberbürgermeister Zwick einen konstruktiven Weg wählen, um einen Umgang mit unbestreitbar antisemitischen Motiven in Balls Werk zu finden. Dieses Verfahren könnte einen Modellcharakter für den Umgang mit Deutschlands in Teilen antisemitischem und rassistischem kulturellen Erbe bieten und so ein zukunftsweisendes Beispiel darstellen“.

Olivia Wenzel begrüßt den anstehenden Prozess ebenfalls sehr: „Es ist gut, dass hier im Idealfall ein konstruktiver wie kritischer Prozess angestoßen wird; ich hoffe, er gelingt.“

Die Vorschlagskommission begrüßt den eingeschlagenen Weg. Ihr gehören der Literaturkritiker Dr. Helmut Böttiger, Salome Hohl vom Cabaret Voltaire in Zürich und die Kunsthistorikerin und Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, Dr. Kia Vahland an.

Die Vorschlagskommission teilt mit: „Wir haben uns dafür ausgesprochen, den Preis im Jahr 2023 auszusetzen zugunsten einer aktualisierten kritischen Auseinandersetzung mit Hugo Balls Werk und Umfeld sowie einer Debatte darüber, welche Schlüsse sich für unsere von antisemitischen und rassistischen Vorurteilen und Vorfällen gezeichneten Gegenwart ziehen lassen. Wir danken der Stadt Pirmasens für ihre Bereitschaft, diesen Prozess zu gestalten, Hito Steyerl für ihren Impuls, Olivia Wenzel für ihre Unterstützung.“

www.pirmasens.de/hugoballpreis

Auf einen Blick: Bei der Diskussion am Montag, 23. Januar 2023, sind folgende Gäste auf dem Podium in der Pirmasenser Festhalle vertreten:

Dr. Bernd Wacker, ist Vorsitzender der Hugo-Ball-Gesellschaft, katholischer Theologe und Hugo-Ball-Forscher. Er ist zudem im christlich-jüdischen Dialog engagiert und hat in diesem Kontext u. a. zu den judenfeindlichen bzw. antisemitischen Bildwerken im Kölner Dom veröffentlicht.

Prof. Dr. Helmuth Kiesel ist ausgewiesener Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg mit Schwerpunkt 20. Jahrhundert, dessen Werk, gerade was die Zeit Hugo Balls angeht, längst zum wissenschaftlichen Kanon gehört.

Prof. Dr. Johannes Heil ist Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessor für Religion, Geschichte und Kultur des europäischen Judentums an der „Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg“. Die staatlich anerkannte Hochschule, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen wird, wurde 1979 gegründet. Johannes Heil, ein exzellenter Kenner nicht zuletzt auch des mittelalterlichen Judentums, war dort jahrelanger Rektor.

Prof. Dr. Magnus Brechtken ist Historiker, Politikwissenschaftler und Philosoph – ausgewiesener Experte im Thema Antisemitismus der 1910er und 1920er Jahre und Vizedirektor des Instituts für Zeitgeschichte München, eine international renommierte Institution zur historischen Einordnung.

Prof. Dr. Meron Mendel (zugeschaltet), ist Publizist, Historiker, Pädagoge und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank mit Sitz in Frankfurt am Main.

Die Moderation übernimmt Angela Gutzeit, freie Redakteurin und Moderatorin beim Deutschlandfunk und Kritikerin für andere Rundfunkanstalten und Medien.

Stichwort: Mit dem Hugo-Ball-Preis der Stadt Pirmasens wird das Gesamtwerk des in Pirmasens geborenen Schriftstellers Hugo Ball (1886-1927) gewürdigt, der u. a. 1916 im Züricher Cabaret Voltaire mit Dada eine der wichtigsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts begründet hat. Die früheren Träger der Auszeichnung, die seit 1990 verliehen wird, sind Oskar Pastior, Cees Nooteboom, Robert Menasse, Klaus Wagenbach, Patrick Roth, Feridun Zaimoglu, Max Goldt, Andreas Maier, Thomas Hürlimann, Ann Cotten und zuletzt Bov Bjerg.

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